Lebenslauf Ausstellungen Über die Kunst von Gabriele Latzke

Viola Alvarez

Über die Bilder von Gabriele Latzke
Ein paar Worte für Ihre Bilder.
Was verbindet Bilder und Worte?
Mehr als alles andere scheinen sie zunächst doch eher ein Gegensatzpaar zu sein. Zwei, die einander überwinden müssen, um sich in ihrer jeweils eigenen Welt angemessen verständlich machen zu können.
Dem Wort ist das Bild zu einfach, dem Bild das Wort zu beengend.
Und dennoch sind sie auch wieder zwei, die auseinander entstehen können – die einander sogar brauchen, um das Beste im anderen hervorzubringen.
Bilder, die sprechen, verfügen ebenso wie Worte, die malen, über einen besonderen Zauber, eine fast archaische Energie, die das Materielle auflöst und das Immaterielle begreiflich macht.
Bilder, die sprechen, Worte, die malen.
In Gabriele Latzkes Kunst finden wir beides, das sprechende Bild, sogar das Schrift-Bild, das Wort-Bild, und ebenso das sich langsam bildende Wort, das dem Betrachter entgegen kommt.
Seine Annäherung ist von unterschiedlicher Art. Mal kommt es langsam wie ein scheues Wildwesen, mal springt es uns wie eine übermütige Katze geradewegs in die Vorstellung hinein und beginnt dort zu schnurren und zu kratzen, bevor wir noch wissen, was geschehen ist.

Gabriele Latzkes Kunst, und damit wage ich mich mutwillig in das Schlachtfeld der Missverständnisse, ist eine kosmische Kunst.
Ihre Bilder erzählen in Farbe und Form die vielen und damit die eine Geschichte aller Schöpfung in einem wahrlich originären Sinne.
Wir sehen die Masse, die Materie, die Form.
Form, die zu Gestalt wird und Gestalt, die neue Form hervorbringt.
Form, die sich verfeinert, erhöht bis zu einem Punkt der künstlichen Raffinesse, an dem der Form nur noch ein einziger weiterer Schritt bleibt, der Schritt der Formüberwindung, hinter der die höchste Form der Kunst liegt: die Freiheit.
Gabriele Latzke ist Künstlerin in beidem.
Sie beherrscht ihre Form in der gewohnheitsmäßigen Genauigkeit einer langjährigen Veteranin an Technik, Stringenz und Komposition, Überlebensmechanismen vor der immer wieder gefahrvoll verschlingenden Schlacht mit der Kreativität.
Diese vorausschauende Klarheit verhilft ihren Bildern, den heiteren wie den ernsten, den deutlichen wie den andeutungsvollen, zu einer gemeinsamen Grundaussage, die in ihrer Schlichtheit von der schockierenden Brutalität aller Wahrheit ist:
Es gibt keine Filter zwischen dem Menschen und dem, was er aus seinem Leben macht.
Letzten Endes, und dieses Ende kann das Ende eines Augenblicks sein oder das Ende einer Ära – ist der Mensch gezwungen zu betrachten, was er aus sich gemacht hat, was er aus sich hat machen lassen, um scheinbar zu sein, was er nie war.
Diese Gesetzmäßigkeit des Zurückgeworfenseins auf sich selbst vor den Augen der anderen ist eine Grundsäule der natürlichen Schöpfungsgebäude, in denen Dinge entstehen, wachsen, sich wandeln, erstarren und vergehen. Die Natur, die Gabriele Latzkes Kunst genauso oft eine Bühne wie ein Kostüm bietet, bestimmt jedes Element ihres Seins.
Sie schwingt in den Farben, ringt mit den Formen und überzeugt durch jene alles überstrahlende Wahrheit, dass alles Konstrukt nur eine mühsam gebastelte Barriere ist gegen die Erkenntnis des Chaos im Innen und Außen.
In Gabriele Latzkes Bildern pocht ein schamanisches Element – dies ohne jeden esoterischen Anstrich -, es ist die Verwandlung des einen Seins zur Vertiefung des nächsten Seins – unter Schmerz, unter Entbehrung, unter Wahnsinn, unter Komik.
Auch die aberwitzigsten Aspekte ihrer Kunst haben einen Sinn, keinesfalls eine Belehrung, eher einen kollektiven Grundverstand, der sich in der lauschenden Betrachtung eröffnet.
Und oftmals sind es gerade die scheinbar rationalen Bestrebungen, die uns hinter dem technokratischen Treiben des Menschenwesens als homo faber dann als löchrige Fassade vor dem Nichts begegnen.
Eine potemkinsche Welt vor dem Wunsch unserer eigenen Selbsttäuschung.

Frau Latzke erzählt liebevoll von uns, wie auch von sich, als vom Menschen, der sucht.
Sie erzählt von seiner Suche nach einem Haus, nicht als Besitz, sondern nach jenem mythischen Ort des Zuhauses, einem Platz des Gehörens.
Nicht „mir gehört es“, sondern „ich gehöre zu“…
Zu jemandem, zu einem Ort, in ein tröstliches Verstehen, all dessen was ich bin und auch, was ich nie sein kann.
Genau dieses Verstehen und Gehören suchen auch die Portraits und Personen in Frau Latzkes Bildern immer wieder im Auge des Betrachters. Mit Augen, die sich nicht sicher sind, ob sie anlocken oder verstoßen wollen, begegnen uns die Frauen, Männer, Gaukler und Geistwesen, die Könige und Narren, zeigen sich in all ihrer inszenierten Unvollkommenheit.
Sie stellen uns die wortlose Frage, ob wir sie lieben könnten: herrisch, bittend, unsicher, abweisend – menschlich in ihrer Widersprüchlichkeit, die eben so aus einem Leben ein Zuhause machen kann – oder eine Ruine.
Gabriele Latzes Menschenfiguren – am meisten in ihrer Geziertheit, Geputztheit und schönen Eitelkeit – scheinen ebenso einem festgelegten Zyklus archaischer Rituale zu folgen wie ihre Botschafter der Natur.
Licht und Luft können als liebevoller Schutz, als geduldige Versicherung auftreten oder als Schimäre, hinter deren Täuschung wir, ehe wir uns versehen, bereits einen Schritt zu weit in unser eigenes Nichts vorgedrungen sind.

Und wenn dann keine Barriere mehr liegt, zwischen uns und dem Nichts?
Was dann?
Wenn sich das angestrebte Sein als Illusion des Wollens herausgestellt hat?
Gabriele Latzke gibt hierauf eine Antwort, die ebenso viel über sie als Mensch aussagt wie über sie als Künstlerin.
Wenn das Nichts erreicht ist, beginnt die neue Schöpfung.

Aus dem Verlust der Gewissheit erwächst Kreativität. Durch den Verlust des Gesichts wird der Blick frei auf die Felder der Seele.
Es ist dies, jenseits von Form und Figur, möglicherweise das weiblichste Thema ihrer Kunst.
Ein Auftrag an die Frau als Anima, sich dem Nichts immer wieder entgegen zu stellen. Wenn die Maske der Schönheit verschwindet, tritt die Frage, ob sie geliebt wird, in den Hintergrund, weil die Erschaffung und Fortsetzung des Lebens selbst sie belehrt hat, dass die Erlösung ihrer Suche nicht im Denken, im Fragen oder in den Augen eines anderen zu finden ist, sondern nur im Handeln.
Die beseelte Frau, die tut – anima faber.
Die somit auch dem homo faber wie ein vertiefender Akkord zu einem Rhythmus gegenübersteht.
Nicht machen, sondern tun, weil das notwendige Tun, egal wie sinn- oder gehaltvoll, unsere einzige Bewahrung vor dem Verschwinden im Nichts ist.
Tun, um die Welt, die sich und uns stetig wieder verschlingt und gebiert, in ihrer vorgegebenen Grausamkeit, mit stiller Entschlossenheit zu verschönern.

Die Schönheit, die Gabriele Latzke erschafft ist eine transzendente Schönheit, auch komponiert, auch ästhetisch, aber eben darüber hinaus.
Es ist die Schönheit der Berührung.
Gabriele Latzkes Bilder berühren uns, weil sie selbst berührbar (geblieben) ist.
Sie nutzt die Kunst, um nicht zuletzt ihren eigenen Kampf des Begreifens, Verstehens und des Scheiterns sichtbar zu machen. Es ist eine Kunst ohne Urteile, die sich dem geschmäcklerischen Urteil aus Hochmut gerade wegen ihrer Innerlichkeit widersetzt.
Sie verbirgt ihre Tradition nicht, sondern entwickelt sie weiter oder auch zurück, und trägt in ihrem abgebildeten Verständnis anderer Weltsichten zu der Erweiterung des unseren bei.
Was sie tut, ist eine Verdichtung des Bildes zur transzendentalen Poesie, in der Verletzung, Trost, Suche und Ankommen dieselbe Wurzel haben – und gleichzeitig selbst Wurzel sind.

So erschafft sie mit ihren Bildern eben die Worte, die sie dann überwindet.
Es ist das Bild, das das Wort überflüssig macht, denn das erste Erkennen hat weder Wort noch Satz.
Es ist ein zutiefst persönliches Annehmen, dass das Kleine im Großen liegt und umgekehrt. Ein Annehmen, dass wir uns an der Welt festhalten, wie sich die Welt an uns fest hält.
Es bleibt ein hinreißendes, ein tödlich ernsthaftes Gaukelspiel des Lockens und Verstoßens, des verzeihenden Raumgebens und der erstickenden Verengung.
Wir sehen in Gabriele Latzkes Kunst die Farben und Formen des Verstehens, wie es immer nur aus wieder und wieder neuen Fragen geboren werden kann.
Und so wird der Blick zur Einladung.
Die Einladung wird zum Heim.
Das Heim wird zur Enge.
Die Enge wird zur Täuschung – und aus dem schmerzhaften Erwachen nach der Täuschung entwindet sich uns die Freiheit.
Jene Freiheit, in der wir uns wiederum suchen können, mit jenen lockenden Blicken, die andere einladen sollen, unsere ewige Unvollkommenheit abermals im großzügigen Begreifen der Liebe zu teilen.

Februar 2011, Viola Alvarez


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